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Warum eine Trennung sich anfühlt wie ein Entzug

Beziehungsschwierigkeiten und Trennungen, auch im Kontext psychischer Erkrankungen, sind häufigen Themen in meiner Privatpraxis in Hildesheim. Der Schmerz einer Trennung ist oft sehr belastend. Viele Patient:innen berichten von einer Sehnsucht nach dem Ex-Partner bzw. der Ex-Partnerin, innere Unruhe, Ängste, Schlafstörungen, einem Gefühl der Leere und ggf. wiederholte Kontaktaufnahmen und -abbrüche. Was lange Zeit als metaphorische Umschreibung galt, findet zunehmend wissenschaftliche Bestätigung: Eine Trennung kann tatsächlich biologisch ähnliche Prozesse auslösen wie der Entzug einer Sucht. Seelischer Schmerz zeigt uns, was uns wichtig im Leben ist, z.B. Verbundenheit, Intimität, Sicherheit, wenn es um eine Partnerschaft geht. Wir vermissen sie schmerzlich, wenn sie verloren gehen. Daneben gibt es einen eher unromantischen Blick auf die biologischen Prozesse, die gleichzeitig ablaufen.

Die Neurobiologie der Verbundenheit und des Verlusts

Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir einen Blick in unser Gehirn werfen. Wenn wir verliebt sind oder eine enge Bindung zu einer Partner:in haben, wird unser Belohnungssystem im Gehirn stark aktiviert. Insbesondere der präfrontale Kortex und der Nucleus accumbens spielen hier eine zentrale Rolle. Diese Regionen werden mit Dopamin geflutet, einem Neurotransmitter, der für Motivation und Freude auf Belohnung zuständig ist. Der Kontakt zur Partner:in oder sogar nur der Gedanke an ihn oder sie kann diesen Dopamin-Schub auslösen – ein Gefühl, das uns an die Partner:in bindet und uns dazu motiviert, die Nähe zu suchen. Diese Mechanismen sind vergleichbar mit denen, die auch bei Suchtmitteln eine Rolle spielen (Fisher et al., 2010).

Neben Dopamin tragen auch Oxytocin und Vasopressin maßgeblich zur Bindung bei. Diese Hormone stärken Gefühle von Vertrauen, Nähe und Geborgenheit. Ein Abfall dieser Hormone nach einer Trennung kann Gefühle der Unsicherheit und des Mangels verstärken.

Trennung als „Entzugserscheinung“ auf neuronaler Ebene

Wenn eine Beziehung endet, bricht diese kontinuierliche Zufuhr von „Glückshormonen“ abrupt ab. Der Dopaminspiegel sinkt rapide, während gleichzeitig Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin ansteigen. Unser Gehirn, das an den positiven Reiz der Partner:in gewöhnt war, reagiert auf diesen Mangel ähnlich wie auf den Entzug einer Droge:

  • Verlangen (Craving): Das Gehirn versucht, den Mangel an den belohnenden Neurotransmittern auszugleichen. Dies äußert sich in einem intensiven Verlangen nach der Ex-Partner:in, obsessiven Gedanken und dem Drang, den Kontakt wiederherzustellen. Studien mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen, dass die gleichen Hirnregionen, die bei Kokainverlangen aktiv sind, auch bei Menschen mit starkem Liebeskummer erhöhte Aktivität aufweisen (Fisher et al., 2010).
  • Stimmungsschwankungen: Von tiefer Traurigkeit über Angstzustände bis hin zu Wut können Betroffene eine Achterbahnfahrt der Gefühle erleben. Dies spiegelt den Kampf des Gehirns wider, mit dem abrupten Verlust der emotionalen und chemischen Belohnung umzugehen.
  • Körperliche Symptome: Herzrasen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder übermäßiges Essen, Konzentrationsschwierigkeiten – all dies sind körperliche Manifestationen des „Entzugs“, da der Körper auf den Verlust der gewohnten chemischen Balance reagiert.

Was bedeutet das für Betroffene?

Diese Erkenntnisse geben Betroffenen eine wichtige Perspektive: Der Schmerz einer Trennung ist nicht nur psychisch, sondern hat eine tiefgreifende biologische Grundlage. Es ist keine Schwäche, so intensiv zu fühlen, sondern eine normale, wenngleich schmerzhafte Reaktion des Körpers auf den Verlust einer zentralen Bindung und Belohnungsquelle. Das Wissen darum kann helfen, die eigenen Gefühle zu validieren und zu verstehen, dass es Zeit braucht, bis sich das neurochemische Gleichgewicht wieder einstellt.

Ein praktischer Tipp:

Perspektivwechsel und Mitgefühl: Versuchen Sie, Ihre Situation zwischendurch von außen wahrzunehmen oder stellen Sie sich vor, ein Freund oder eine Freundin würde Ihre Situation erleben. Was könnten Sie von außen sehen, was würden Sie sagen oder raten, z.B., ob eine erneute Kontaktaufnahme objektiv Sinn macht? Welche Worte würden Sie finden, wenn diese Person diesen Schmerz empfindet, den Sie gerade erleben? Was würden Sie für diese Person tun? Oftmals gehen wir mit uns selbst härter ins Gericht als mit jedem anderen Menschen. Versuchen Sie, mit sich freundlich zu sein.  Planen Sie gezielt Aktivitäten ein, die Ihnen Freude bereiten und ein Gefühl von Belohnung vermitteln – sei es Sport, ein neues Hobby, das Treffen mit Freunden oder das Erlernen neuer Fähigkeiten. Es ist ein Prozess, der Geduld erfordert.

Quellen:

  • Fisher, H. E., Xu, X., Aron, A., & Brown, L. L. (2010). Intense romantic love is associated with a dopamine-rich reward system. Neurophysiology, 87(3), 519-528.
  • Insel, T. R., & Young, L. J. (2001). The neurobiology of attachment. Nature Reviews Neuroscience, 2(2), 129-136.
  • Panksepp, J. (1998). Affective neuroscience: The foundations of human and animal emotions. Oxford University Press.